05.01.2026 | „Der Staat muss wieder handlungsfähig werden“
Richtungsweisende Politik? Fehlanzeige. Deutschland braucht klare Prioritäten, weniger Bürokratie und handlungsfähigen Staat, sagt Prof. Dr. Hans-Peter Burghof im exklusiven WPCD-Interview. Der ausgewiesene Finanzökonom bewertet die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung kritisch, erklärt, warum der Mittelstand weiterhin auf Hausbanken setzen sollte, und nennt, welche Schritte Europa wirklich im globalen Wettbewerb nach vorn bringen könnten.

„Europa darf nicht die Strategien von USA und China kopieren – wir müssen unsere Vielfalt nutzen.“ Prof. Dr. Hans-Peter Burghof
Herr Professor Burghof, die Bundesregierung will Wachstum, Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit stärken – ein ambitioniertes Dreifachziel. Welche Maßnahmen halten Sie für wirklich richtungsweisend und welche wirken auf Sie eher als Symbolpolitik?
Das Programm der Regierung enthält viele sinnvolle Einzelmaßnahmen. Richtungsweisend ist davon aber keine, da insgesamt keine Richtung erkennbar ist. Man will ja auch noch viel mehr: Schnelle Klimaneutralität, den Sozialstaat ausbauen, den Arbeitsschutz und die Teilhabe benachteiligter Menschen fördern, die Bürokratie zurückbauen, und noch einiges andere. Vieles davon ist zumindest wünschenswert, manches sogar dringlich. Aber er fehlt eine klare Priorisierung, und manche Maßnahmen widersprechen sich auch. Dabei gibt es einen klaren Auftrag: Der Staat muss in seinen Kernbereichen wieder handlungsfähig werden: Innere und äußere Sicherheit, Infrastruktur, Bildung.
Mit degressiven Abschreibungen und steuerlicher Forschungsförderung will die Regierung Investitionen anregen. Reicht das aus, um die Wirtschaft – besonders den Mittelstand – aus der anhaltenden Flaute zu holen – oder fehlen grundlegendere Impulse für mehr Innovation und Investitionskraft?
Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit leidet unter dem hohen Niveau der Steuern und Abgaben. Niedrige Steuern sind daher wünschenswert. Allerdings setzt man mit der degressiven Abschreibung auf kurzfristige Effekte, und auch bei der Forschungsförderung wählt man einen möglichst einfachen Ansatz. Dass aber noch nicht einmal ein anständiges Strohfeuer erwartet wird liegt wohl daran, dass das Programm der Regierung am Kernproblem vorbeigeht: Der Staat nimmt nicht zu viel ein. Er macht zu wenig daraus. Bei einer hervorragenden Infrastruktur und einem ausgezeichneten staatlichen Bildungssystem darf die Staatsquote durchaus höher sein als in Ländern, die dies nicht bieten können. Aber wo der deutsche Staat auftritt, ist er – fast immer – langsam und teuer. Er erzeugt mit seinen zahlreichen gesetzlichen Vorgaben eine hohe Komplexität und Unkalkulierbarkeit. Da ist es oft die bessere Lösung, nichts zu unternehmen oder woanders zu investieren. Und schließlich: Wer möchte in einem Land investieren, dass einer konkreten Bedrohung seiner äußeren und inneren Sicherheit nicht mit einer glaubwürdigen Verteidigung begegnen kann?
Der deutsche Mittelstand finanziert sich traditionell über die Hausbank. Reicht dieses Modell für die Zukunft noch aus – oder brauchen Unternehmen einen besseren Zugang zu Kapitalmärkten und Investoren? Welche Reformen wären dafür entscheidend??
In einer idealen Welt könnten Unternehmen aus einem ganzen Menü von konkurrierenden Finanzierungsalternativen das für sie passende Konzept auswählen. Die Europäischer Kapitalmarktunion ist ein wichtiger Baustein, um sich einer solchen Situation anzunähern. Aber bei kleineren und auf bestimmte Technologien fokussierte Unternehmen ist der öffentliche Kapitalmarkt oft nicht die beste Alterative. Hohe Fixkosten des Kapitalmarktzugangs und die geringe Diversifikation der Geschäftsmodelle sprechen hier klar für eine Bankfinanzierung. Gerade für Deutschland – wo solche Unternehmen eine zentrale Rolle spielen – kommt es daher darauf an, das etablierte Hausbankmodell zu schützen und für Vielfalt und ausreichenden Wettbewerb im Bankenmarkt zu sorgen. Leider ist hier Europäische Union kein hilfreicher Partner. Die überzogene und undifferenzierte Bankenregulierung treibt die Kreditinstitute in die Größe und vernichtet institutionelle Vielfalt.
Die USA und China machen global Tempo: Die Amerikaner mit massiven Subventionspaketen für Industrie und Technologie, China mit langfristiger Industriepolitik. Europa droht im globalen Wettbewerb abgehängt zu werden. Welche strategischen wirtschaftspolitischen Entscheidungen braucht die EU jetzt, um nicht dauerhaft abgehängt zu werden??
Vor allem sollten wir nicht versuchen, die Strategien anderer nachzuäffen. Wir haben nicht die Ressourcen, über die diese beiden globalen Großmächte verfügen, weder finanziell noch beim Humankapital noch bei den Rohstoffen. Europa hat aber traditionell eine große Vielfalt an miteinander konkurrierenden Ideen und Konzepten, die in einer marktlichen Ordnung, im Wettbewerb, eine gewaltige Dynamik entfalten können. Daher braucht die Europäische Union ein klares Bekenntnis zur Marktwirtschaft. Und Europa sollte das eigene, sehr kluge Motto, „In Vielfalt geeint“, endlich ernst nehmen. Die Vielfalt in Europa ist nicht Folklore, sondern ein Wirkungsprinzip für den wirtschaftlichen und politischen Erfolg der Union. Daher muss der Umgang der Europäischen Institutionen mit dem Konzept der Subsidiarität auf den Prüfstand. Oftmals gewinnt man den Eindruck, dass wichtige europäische Aufgaben bei den Nationalstaaten verbleiben, während sich Parlament und Kommission um alles Mögliche kümmern, und dass der Europäische Gerichtshof in falsch vorhandener Loyalität zu Europa sie darin deckt.
Der Euro steht wieder im Stresstest: Zinsen steigen, Schulden ebenso – und die politischen Spannungen nehmen zu. Herr Prof. Burghof, Sie haben Finanzmärkte und Eurokrisen über Jahrzehnte analysiert. Kann die Eurozone in ihrer aktuellen Form bestehen oder braucht es grundlegende Reformen, um langfristig zu bestehen?
Der Euro wird in der globalen Konfliktlage mit ihrem intensiven Systemwettbewerb sogar noch wichtiger. Er kann zu einem Symbol europäischer Stärke, für die Qualität und Glaubwürdigkeit demokratisch legitimierter Institutionen und Strukturen werden. Aber der Weg dahin ist nicht gesichert. Jedes von Menschen geschaffene System hängt letztlich an der Qualität menschlicher Entscheidungen. Die Europäische Zentralbank ist mit gutem Grund nur der Sicherung des Geldwertes verpflichtet. Wie jede große Bürokratie neigt sie aber dazu, sich neue Aufgaben einzuverleiben, und die Versuchung der Politik ist groß, sich die Zentralbank für kurzfristige politische Agenden dienstbar zu machen. Beides ist in der Geschichte der EZB passiert, und beim letzten Inflationsschub hat der Zentralbankrat so gerade noch die Kurve gekriegt. Das gibt mir Hoffnung, dass am Ende eines schmerzhaften Lernprozesses eine Institution steht, deren führende Vertreter sich ihrer besonderen Aufgabe und nur dieser Aufgabe verpflichtet sehen. Im Vergleich zu den Zentralbanken in autoritären Regimen, aber auch zur amerikanischen FED, sind wir – nach einigen vermeidbaren Sündenfällen – inzwischen wieder auf einem guten Weg.
Wenn Sie einen Blick auf die kommenden Jahre richten: Wo sehen Sie die größten Zukunftschancen, die wir bisher nicht oder nicht genug nutzen – und was müsste passieren, damit wir die Potenziale endlich heben?
Wir sollten in Europa mehr Vielfalt wagen, und wir sollten in Deutschland und Europa den Rückbau der Bürokratie konsequent angehen. Bürokratieabbau ist ein Konjunkturprogramm, das dem Staat unmittelbar Geld einbringt und zugleich die Effizienz staatlichen und privaten Handelns fördert. Und wir brauchen in Deutschland dringend mehr Effizienz und mehr Geld – für Verteidigung, Infrastruktur und Bildung, und für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Der Rückbau der Bürokratie kann aber nur durch intensiven politischen Druck und durch eine ambitionierte, mutige politische Führung gelingen. Der Staat darf nicht mehr als eine Art Dienstleister für ein gutes Gefühl zahlreiche Befindlichkeiten bedienen, die durch ein intensives Lobbying zu Staatsaufgaben erhoben wurden. In diesen Bereichen muss er massiv Personal abbauen. Das wird vielen nicht gefallen, die sich in diesem Wohlfühlstaat häuslich eingerichtet haben. Aber am Ende des Prozesses steht ein neues Gleichgewicht zwischen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, dass für alle mehr Chancen bietet als unser heutiges, in Staatsgläubigkeit und Staatsabhängigkeit erstarrtes System
Wenn Sie einem jungen Unternehmer begegnen, der zweifelt, ob sich Unternehmertum und Investitionen in Deutschland noch lohnen: Wie würden Sie ihn überzeugen?
Ich würde es mit einer Frage versuchen: Wo möchtest Du leben? Das heutige Europa in seiner Vielfalt und Freiheit ist unverändert einer der schönsten Orte für ein Leben. Dies gilt geographisch, aber auch in der historischen Dimension. Und es gilt für viele Lebensphasen: Die Jugend, die Zeit der Familiengründung, das Alter. Aber ich müsste diese Werbung für Europa mit einer ernsten Mahnung verbinden. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln. Wir müssen aktiv werden, auch politisch, damit Europa dieser wunderbare Ort bleibt. Damit es sicher bleibt, damit es frei bleibt, und damit es wieder erfolgreicher wird.
Über Prof. Dr. Hans-Peter Burghof
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof ist renommierter Finanzökonom und leitet den Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Zudem ist er Geschäftsführer der Stiftung Kreditwirtschaft und berät seit Jahren Unternehmen und Institutionen in Fragen der Wirtschaftspolitik.
Im Rahmen des traditionellen Gänseessens zum Jahresende lud der WPCD zum “Wirtschaftspolitischen Dialogs” am 10. Dezember 2025 ein, bei dem Prof. Hans-Peter Burghof einen Impulsvortrag hielt.
Hier geht’s zum Rückblick der Veranstaltung.